Staatszirkus der DDR: Volksfesteinrichtungen - Arena-Express

Volksfesteinrichtungen - Fahrgeschäfte - Arena-Express

Volksfesteinrichtungen

Geschichte

Der Schaustellerbereich war in der DDR nahezu vollständig in privater Hand. Es gab auch keine keine nennenswerten Bemühungen, dies grundlegend zu ändern. Der Umstand, dass das Unternehmen VEB Zentral-Zirkus später Staatszirkus der DDR die ganze Zeit Fahrgeschäfte betrieb entstand eher zufällig.

In den 50er Jahren machte sich auf den Volksfestplätzen der DDR ein Mangel an großen attraktiven Geschäften bemerkbar. Auf Initiative von Schaustellern wurde die Idee zum Bau einer Holz-Achterbahn entwickelt und der Kontakt zur Baugesellschaft Roßla KG hergestellt, einem früheren Zweigbetrieb der bekannten ehemaligen Karussellbaufirma Hugo Haase. Der Bau begann 1958, geriet aber wegen Materialproblemen mehrfach ins Stocken. Kurzfristig stieg die Stadt Leipzig, die dieses Projekt finanzieren sollte, als Geldgeber aus. Der Direktor des VE Zirkus Busch übernahm das Projekt, sah er hier wohl eine Möglichkeit sich gegenüber dem ebenfalls Volkseigenen Zirkus Aeros mit seinen Zweigbetrieben zu profilieren. Die Bahn wurde am 25.07.1959 in Zwickau eingeweiht. Eine Baugleiche folgte ein reichliches Jahr später und der zwischenzeitlich gegründete VEB Zentralzirkus wurde unfreiwillig auch zum Schaustellerunternehmen.
Probleme beim  personal- und zeitintensiven Auf- und Abbau der massiven Holzkonstruktion sowie häufige Reparaturen veranlassten den VEB Zentral-Zirkus die erste Bahn 1967 in den Kulturpark Rotehorn in Magdeburg abzugeben, wo sie bis Ende der Saison 1977 stationär betrieben wurde. Beim Wiederaufbau nach der Winterreparaturpause im Frühjahr 1978 kam es dort zu einem schweren Unfall. Daraufhin wurden die Aufbauarbeiten abgebrochen, die Bahn vorerst eingelagert und einige Jahre später verschrottet.
Die Achterbahn II wurde Ende 1969 an den VEB Naherholung Halle abgegeben, der sie im Naherholungsgebiet Saaleaue bis 1970 betrieb. Aufgrund von Wasserschäden bedingt durch ein Hochwasser wurde die Bahn 1970 an die Schausteller Gebr. Walz/Domscheid verkauft, die sie 1971 noch dreimal aufbauten und dann ebenfalls verschrotteten.

Nach dem Krieg bauten neben der Fa. Heyn in Neustadt/Orla vor allem die Karussellfabrik Hans Gundelwein in Wutha-Farnroda bei Eisenach noch Fahrgeschäfte. Zum Teil mit den Schaustellern gemeinsam wurden Karussells um- oder neugebaut, die die Volksfeste der DDR und auch den Kulturpark Berlin prägten. Vor allem in den 50er Jahren entstanden hier zahlreiche zum Teil sehr prunkvolle „Walzerfahrten“ und  auch „Spinnen“. Der „Calypso“ war im Bau als Anfang der 60iger Jahre die staatlichen Planungsorgane den Karussellbau verboten. Dafür erforderliches Material  wurde nur für volkswirtschaftlich notwendige Projekte genehmigt. Der Betrieb bekam ein anderes Produktionsprofil zugewiesen und war damit für den Karussellbau endgültig  verloren.

Ironischer weise war sich auch Anfang der 60iger Jahre das Ministerium für Kultur, welches fachlich für den Schaustellerbereich zuständig war, mit dem VEB Zentral-Zirkus darin einig, den Volksfestsektor weiter auszubauen. Die Planung dazu wurde  bis zum Jahre 1970 fixiert. Zu diesem Zeitpunkt existierte in der DDR jedoch bereits kein auf den Bau von Karussells spezialisierter Betrieb mehr. 1963 gelang es nach mehreren erfolglosen Bemühungen über die Staatliche Plankommision die Zuständigkeit für die Produktion von Fahrgeschäften festzulegen auf die Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) für Stahlbau. Geplant war der Bau von zwei Rundfahrgeschäften „Walzerfahrt“, zwei „Gondelfahrt“ (Windrose) und von zwei schwenkbaren Riesenrädern. Die Kosten wurden mit jeweils 180.000,- Mark veranschlagt. Der VEB Sächsische Brücken- und Stahlhochbau Dresden war durchaus an einer größeren Produktion interessiert, sah man dort auch Exportchancen ins sozialistische Ausland. Anfang 1964 wurde der Auftrag von zwei „Gondelfahrten“ bestätigt. Durch eine vom Volkswirtschaftsrat beschlossene Umstrukturierung des Betriebes wurde dieser Auftrag im Juni des gleichen Jahres wieder annulliert. Selbst der Protest  des Ministeriums für Kultur beim Volkswirschaftsrat  änderte nichts mehr an der Tatsache, dass dem Karussellbau offenbar keine Priorität mehr gegeben wurde. Die gesamten Vorplanungen und Projektierungen erfolgten in enger Zusammenarbeit mit dem Ingenieur Walter Gundelwein aus Wandersleben. Dieser schlug 1964 vor, einen eigenen Handwerksbetrieb zu eröffnen und in Kooperation mit dem VEB Zentral-Zirkus Reparaturen und die Herstellung kleinerer Fahrgeschäfte vorzunehmen. Dabei wollte er die oben erwähnte Werkstatt in Wutha-Farnroda zu nutzen, die zwischenzeitlich aber an einen volkseigenen Betrieb verpachtet war. Weil auch die Beschaffung entsprechender Maschinen nötig gewesen wäre, fehlten die Voraussetzungen für den Aufbau eines solchen Betriebes.

So wurde von Walter Gundelwein unter dem Arbeitstitel „Rotierende Scheibe“ ein Fahrgeschäft entwickelt, dass in einer  Schräglage von bis zu 45 Grad maximal 33 Personen  mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 u/min durch die Zentrifugalkraft in Ihre Sitze presste. Gebaut wurde das Geschäft im eigenen Winterquartier und in verschiedenen DDR-Betrieben. 1964 ging der „Kosmos-Rotator“ auf die Reise und wurde der Achterbahn I angegliedert. Aufgrund des hohen Gewichtes wurde der „Kosmos-Rotator" nach der Saison 1968 an die Stadt Rostock abgegeben. Schausteller Rudolf Schäning betrieb das Geschäft dort im Vergnügungspark am Zoo bis 1989.
1965 wurde eine gebrauchte „Flugschanze“ aus der BRD importiert, die von dem renommierten Hersteller Mack (Waldkirch) gebaut und der Achterbahn II zugeteilt wurde. Ständige Reparaturen, Ersatzteilmangel und ein Unfall, bei dem niemand verletzt wurde, führten 1969 zur Stilllegung. 1970 wurde sie an den Schausteller Horst Kunze aus Meißen verkauft.

Am 1. Juni 1966 wurde die Autobahn „Sachsenring“  feierlich eröffnet. Auch dieses Geschäft entstand in Eigenregie im Winterquartier und soweit festellbar bei der Baugesellschaft Roßla. Nachdem eigene Experimente nicht zum Ziel führten wurden lediglich die Fahrzeuge von der Fa. Ihle aus der BRD importiert. Gemeinsam mit der Holzachterbahn wurde auch der „Sachsenring“ schon zum Saisonende 1969 nach Halle abgegeben, nachdem sich der Auf- und Abbau als sehr schwerfällig und unhandlich erwies.1971 wurde das Geschäft an den Schausteller Hans-Ulrich Walz verkauft, der damit bis 1974 reiste.

Nach dem Scheitern der Eigenproduktionen kam nur noch Importe in Frage, was angesichts der immer angespannten Devisenlage nur schrittweise zu realisieren war. So wurde 1969 von der Fa. Schwarzkopf aus Westdeutschland eine 45-m Stahl-Achterbahn importiert, die 1979 an den Kulturpark Berlin abgegeben wurde und dort stationär betrieben wurde.
Schon 1968 wurde ein hydraulisches Rundfahrgeschäft vom Hersteller Nijmeegs Lasbedrijf importiert, welches 1969 als „Satellit“ auf die Reise ging.  1969 und 1970 folgten jeweils ein „Twister“. Aus Kostengründen wurde der “Satellit“ in der DDR mit einem Podium und Licht ausgestattet. Letzteres wurde auch am zweiten „Twister“ nachgerüstet.
Ein Mangel an modernen Kinderfahrgeschäften führte 1980/81 erneut zu Importen von der Firma Marcel Lutz aus Frankreich. 1980 wurde zunächst dem BT Twister II ein „Babyflug“ beigestellt und der „Saturn“ reiste als Beistellgeschäft mit den Zirkussen Busch und Berolina, später mit dem Zeltverleih „Arena-Express“.
1981 wurde dem BT  Twister I der „Air Tramp“ und dem BT Satellit der  „Astroid“ zur Verfügung gestellt.
All diese Fahrgeschäfte des VEB Zentral-Zirkus bzw. Staatszirkus der DDR waren das Modernste, was es auf Volksfesten der DDR gab und entsprechende Besuchermagnete. Speziell die importierten Karussells machten sich sehr schnell bezahlt. Die Fahrpreise lagen mit 50 Pfennigen über denen der meisten privaten Schausteller. Die Zahl der Fahrgäste ist erst ab 1981 vergleichbar, betrug dann pro Jahr durchschnittlich zwischen 3 und 3,5 Millionen, die Erlöse lagen bei jährlich rund 1,6 Millionen Mark.

1986 war die normative Nutzungsdauer der großen Fahrgeschäfte zum Teil weit überschritten, bei den Kinderkarussells wurde sie 1988 bzw. 1989 erreicht. Durch enormen Einsatz der Betriebsleiter waren die Geschäfte trotzdem in einem Top-Zustand. Dank guter Kontakte erfolgte im VEB Stahl- und Walzwerk Finow die regelmäßige Instandsetzung der Hydraulikanlagen und eine Generalüberholung des “Satellit“.

Mit jedem Betriebsteil reisten ca. 10 Beschäftigte. Die Arbeits- und Lebensbedingungen und auch die Ausstattung der Betriebsteile waren im Vergleich zum restlichen Schaustellerwesen in der DDR überdurchschnittlich. Hatten doch private Schausteller bis in die Mitte 80er Jahre keinerlei Möglichkeiten an neues Material, geschweige denn an Importe heranzukommen.

Fahrgäste der Volksfesteinrichtungen gesamt:

    - 1970        1.939.648
    - 1971        2.002.525
    - 1972        2.209.307
    - 1973        2.438.074
    - 1974        2.631.886   
    - 1975        2.727.746
    - 1976        2.664.927   
    - 1977        1.900.000 (ohne Achterbahn)
    - 1978        2.327.000
    - 1979        1.915.100 (Abgang Achterbahn)
    - 1980        2.492.375 (Zugang Kinderfahrgeschäfte)
    - 1981        3.073.800 (Zugang Kinderfahrgeschäfte)
    - 1982        3.216.283
    - 1983        3.319.403
    - 1984        3.235.597
    - 1985        3.415.470
    - 1986        3.546.055
    - 1987        3.270.745
    - 1988        3.076.199